Die grundsätzliche Geschlechterdebatte hat auch in der Spieleindustrie noch kein Ende genommen. Spielen Frauen Videospiele denn anders? Für die Entwickler von Silicon Sisters Interactive ist dies ein wichtiger Punkt: Sie erstellen Spiele speziell für weibliche Gamer. Über die Projekte und Pläne haben wir uns mit den Entwicklern einmal unterhalten.
Social Games sind wie in der Zeitschriftenauswahl an der Tankstelle riesig und bieten speziell für Frauen und Kinder, schnellen Zeitvertreib. Da werden Hunde gepflegt und Models kreiert – brauchen wir also wirklich noch mehr Spiele für diesen Käufertyp? Auf jeden Fall, dachten sich zumindest Bailey Gershkovitch und Kirsten Forbes als sie 2010 Silicon Sisters Interactive gründeten. Sie wollen Spiele speziell für Frauen erstellen ohne dabei in das Klischee von Pink und Plüsch abzurutschen. Ihre Zielgruppe schließt dabei Vorpubertäre, Teenager und weibliche Business-Manager gleichermaßen ein.

Mit neuen Spielen wird auch gleichzeitig die Qualitätsfrage fällig. In einer ersten offiziellen Pressemitteilung gibt CEO Brenda Bailey Gershkovitch zu, dass “Mädchen und Frauen anders spielen als Jungen und Männer. Silicon Sisters hat diese Unterschiede studiert und wir können Spiele erschaffen, die wirklich ansprechend sind und nachhaltig bei den Frauen in Erinnerung bleiben.”
Gershkovitch und Forbes haben zusammen bereits 18 Jahre Erfahrung in der Spieleindustrie. Silicon Sisters Interactive mit Sitz in Vancouver ist dabei das erste von Frauen gegründete und geführte Entwicklerstudio in Kanada. Derzeit arbeitet das Studio an zwei Projekten für PC und Mobil, eines davon ist School 26, das auf der GDC 2011 vorgestellt und beispielsweise von slidetoplay.com schon einmal beäugt wurde. School 26 ist speziell für vorpubertäre Mädchen und Teenager gestaltet, um ihre Kommunikationsfähigkeiten bei Problemen zu verbessern.

Der Spieler steuert Kate, die durch ihre umzugsfreudigen Eltern bereits zu 25 verschiedenen High Schools geschickt wurde. Dieses Mal soll es permanent sein: Wenn Kate es schafft dauerhafte Freundschaften zu schließen, werden auch ihre Eltern in der Stadt Fuß fassen. In School 26 geht es darum wie verschiedene Charaktere auf Probleme reagieren und diese versuchen zu lösen. So sieht Kate beispielsweise ihre Mitschülerin Isabella im Badezimmer, die darüber wenig begeistert ist. Der Spieler hat nun neun verschiedene Emotionen wie Wut, Trauer oder Freude zur Auswahl um die Situation zu entschärfen.
Aber was denkt Silicon Sisters Interactive eigentlich über Frauen und Videospiele allgemein? Darüber haben wir mit Brenda Bailey Gershkovitch gesprochen.
Wer ist eigentlich das ‘Gamer Girl’ für das ihr Spiele kreiert? Warum habt ihr euch gerade auf einen weiblichen Blickwinkel festgelegt?
Brenda Gershkovitch: Wir erstellen Spiele für Frauen und Mädchen, die Teil eines “wachsenden Marktes” sind. Dies sind normalerweise Personen, die keine eigene Konsole besitzen oder wenn doch, dann nur eine Wii oder ein Handheld Produkt. Die meisten Spieler im wachsenden Markt spielen am Laptop, Smartphone oder Tablet.
Was sind die Genres, die ihr euch anschaut, wenn ihr Spiele speziell für Frauen überlegt und plant?
Gershkovitch: Wir sind an so ziemlich allen Spielgenres interessiert und planen eine Vielzahl an Spielen, um der Vielzahl der Interessen des weiblichen Marktes zu entsprechen. Es gibt keinen “einzigen Markt” für weibliche Spieler, genau so wie es keinen “alleinigen Markt” für männliche Spieler gibt. Es existiert vielmehr eine große Zahl an Produktinteressen.
Die Art und Weise wie Frauen in Videospielen dargestellt werden, hat immer wieder zu Diskussionen geführt. Manche sagen, sie sind in den Spielen stereotypisch zu dumm, zu sexualisiert oder zu männlich dargestellt. Inwieweit beschäftigt sich gerade ein Entwickler wie Silicon Sisters Interactive mit der Darstellung von Frauen? Hat es einen Einfluss auf eure Spielentwicklung?
Gershkovitch: Das ist eine interessante Frage. Es gibt unterschiedliche Auffassungen, ob es förderlich ist als äußerst attraktive, sexy Frauenfigur zu spielen oder ob es weiblichen Spielern die Laune verdirbt sich immer auf eine solche Weise sexualisiert zu sehen. Verschiedene weibliche Spieler sehen diesem Problem anders entgegen. Ich persönlich mag eher die frechen weiblichen Charaktere wie Chloe aus Uncharted. Ich wünschte nur, ich könnte das Spiel mit ihr durchspielen anstatt mit Drake. Außerdem mag ich Kate und Faith in Mirror’s Edge und dachte, dass die großartige Figuren waren.
Also würdet ihr in Zukunft auch gerne ein Spiel mit einer frechen oder gar finsteren Heldin kreieren wollen?
Gershkovitch: Wir werden später dann ein größeres Spiel mit starker weiblicher Hauptrolle machen, aber erst einmal starten wir im Casual Markt.
Erzählt uns mehr über die jetzigen Projekte. School 26 ist beispielsweise speziell für Mädchen im Kindesalter und Teenager kreiert. Wo kam die Motivation her für dieses Projekt? Und wird eurer zweites Spiel in die gleiche Richtung einschlagen oder ein anderes Thema ansprechen?
Gershkovitch: School 26 richtet sich an Mädchen, die in einem ähnlichen Alter sind wie unsere Töchter. Als Mütter wünschen wir uns eine bessere Qualität für die Inhalte, die für unsere Mädchen kreiert werden. Dieses Spiel ist sowohl spaßig als auch positiv, und eigens getestet, haben die Mädchen wirklich zahlreiche Probleme angesichts der Studenten in School 26 gelöst. Teens und Vorpubertäre sind soziale Ingenieure – sie mögen es zu forschen und blühen durch das erfolgreiche Lösen zwischenmenschlicher Probleme erst richtig auf. Der einzige Weg School 26 zu gewinnen ist es sich mit Hilfe von Empathie und einem offenen Ohr stetig zu steigern, damit die Studenten dir Vertrauen und Probleme mit dir teilen. Und wenn du ein Level höher steigt, fühlst du dich wie ein Rockstar!
Wir haben ein Facebook Spiel, das diesen Sommer für Frauen in der Altersgruppe 30 bis 50 herauskommen soll. Wir planen außerdem ein tiefergehendes Adventurespiel, das an ein breiteres Publikum gerichtet ist. Im Grunde sind wir daran interessiert, qualitativ hochwertige Spielangebote für Frauen verschiedener Typen in verschiedenen Bereichen des weiblichen Marktes anzubieten.
Was sind eure zukünftigen Wünsche für die Spieleindustrie und welche Perspektive seht ihr in der speziellen Herstellung von Spielen für Mädchen und Frauen?
Gershkovitch: Ich hoffe, dass dieser expandierende Markt, der nun hauptsächlich Casual und Social Games spielt, sich auch stärker in den traditionellen Kern-Videospielmarkt ausweitet und umgekehrt. Ich würde gerne sehen wie diese Trennung langsam verschwindet. Ich denke, der Kernmarkt für Videospiele wird von dem Wandel einer größeren Spielerdemographie profitieren. Ich sehne mich nach dem Tag, wenn Frauen nicht länger als Spieler zweiter Klasse oder Nischen-Markt angesehen werden, sondern eine ernsthafte Zielgruppe für qualitativ hochwertige, überzeugende und umfassende Kernvideospiele bilden.
Danke für eure Zeit!
Das erste Spiel, School 26, erscheint im Frühjahr 2011 für das iPad und iPhone. Weitere Informationen über Silicon Sisters Interactive und ihre aktuellen Projekte gibt es auf http://www.siliconsisters.ca/
weiterführende Quellen: siliconsisters.ca/press/, slidetoplay.com







