
Frühlingsgefühle sehen bei jedem anders aus. In der Spieleindustrie werden gerne Specials herausgebracht oder technische Direktoren und Vorstandsvorsitzende gefeuert. Es ist offiziell, wie die Online Zeitung DerWesten berichtet sind die Führungspositionen, des Chief Executive und Chief Technology Officers wieder neu zu besetzen, denn die vorherigen Geschäftsführer Jason West und Vince Zampella sind entlassen. Als ersten internen Ersatz werden Steve Pearce, Chief Technology Officer, und Steve Ackrich, Head of Production bei Activision, herhalten müssen. Der Grund sei eine angebliche Vertragsverletzung und Aufsässigkeit von West und Zampella gegen Firmenauflagen. Somit stünde nun auch fest, dass Call of Duty 7 nicht von Infinity Ward kommen soll, da es zu viele interne Reibereien gegeben habe.
Was wird also mit der Call of Duty Reihe passieren? Mike Griffith, Präsident und CEO der Activision Publishing Abteilung gab bei Gameinformer bekannt, dass vor allem Merchandise und Erweiterungen für bestehende Teile der Reihe ausgeweitet werden sollen:
“2010 will be another important year for the Call of Duty franchise … In addition to continued catalog sales, new downloadable content from Infinity Ward and a new Call of Duty release, we are excited about the opportunity to bring the franchise to new geographies, genres and players.”

Ausgeweitet oder ausgeschlachtet? Ist das nicht doch eher ein Todesstoß für eine erfolgreiche Reihe, deren Neuerungen so lange breitgetreten werden, bis die Masse satt ist und das Spiel satt hat?
Eine weitere Schlüsselfigur im Activion Blizzard Vorstand ist Bobby Kotick. Kotick ist schon seit langem eine umstrittene Figur für den Posten als Vorstandsvorsitzender. Einige werfen ihm Wahnsinn vor, andere Genialität. Seine zwiespältigen Aussagen geben immer wieder Zündstoff für hitzige Diskussionen. Jetzt hat das Wort auch die Öffentlichkeit erreicht, denn Infinity Ward ist um zwei kreative Köpfe ärmer. Strategisch clever um die zur Verfügung stehende Produktionsmittel ins Reine zu bringen oder künstlerisch kümmerlich?

Das Entwicklerstudio Infinity Ward wurde 2002 gegründet und ein Jahr später von Activision übernommen. Einen Namen machte sich das Studio im gleichen Jahr seiner Akquise, brachte es doch das hochgelobte Spiel Call of Duty auf den Markt. Das Shooter Game schlug ein wie eine Bombe und in gut kalkulierten zwei Jahresabschnitten folgten Ableger der Hauptreihe wie das hochgelobte Modern Warfare 2.
In den jetzigen Artikeln über die Entlassung von West und Zampella ist immer wieder von “insubordination” die Rede. Obwohl sich der Begriff schlicht mit Aufsässigkeit übersetzen ließe und der Außenwelt somit suggeriert, dass es nur um ein paar Meinungsverschiedenheiten ginge, gibt es wie immer zwei Seiten der Medaille. Die wohl treffendere Übersetzung und Denkweise für den Begriff ist Befehlsverweigerung, denn was zwischen Activision und Infinity Ward brodelte ist ein Kampf um künstlerische Freiheit und Geldanlagen.

In der Wirtschaft rollen oft Köpfe von Angestellten, die es am wenigsten verdient haben. Mit der Entwicklung von Call of Duty kann sich der Mutterkonzern von Activision Blizzard durchaus zufrieden geben. Nach Berichten von G4TV über das erste heimliche Zusammentreffen von West und Zampella mit den Vorsitzenden von Activision, sowie über einen strikten Rauswurf mit Hilfe von Polizeikräften, haben sich beide Seiten einen filmreifen Auftritt abgeliefert.
Es ist einfach gesagt gute Publicity für ein Spiel, wo eine Gefahr darin bestand, dass es bis zur Unendlichkeit ausgeschlachtet werden würde. Sind die Bedenken angebracht? Infinity Ward präsentierte stolz, dass Modern Warfare 2 durch das neue Spielengine ein ganz neues Erlebnis liefern würde. Es arbeitet mit IW 4.0, einer Verarbeitungstechnik basierend auf der eher unspezifischen Entwicklersoftware id Tech, und bringe bessere graphische Details, effizienteres Rendering und größere Welten unter als reguläre Computerprogramme der Sparte.

Spielverlauf und Spielablauf sind durch Modern Warfare 2 enorm präzisiert worden, so dass das Game durchweg positive Kritiken erhielt. Kein Wunder, dass Infinity Ward nicht auf dem gleichen Kurs bleiben möchte, sondern noch einen Schritt weiter, zu der Entwicklung eines neuen Games, gehen will. Call of Duty lässt sich als Shooter schlechter als andere Gamereihen ewig fortsetzen, deswegen wird Call of Duty: Modern Warfare 2 oft simpel als Modern Warfare 2 abgekürzt. Das simuliert den Beginn einer neuen Reihe in einer schon bestehenden Reihe – andererseits würde es schlicht Call of Duty 6 heißen.
Trotzdem steht Kotick am Pranger, weil er das kreative Potenzial der Entwickler mit der Entlassung von West und Zampella auf die leichte Schulter nimmt. Die Hauptinteressen des Vorstands liegen erst einmal in der Erwirtschaftung von Geld. Zeitgleich gibt Kotick grünes Licht für die Massenproduktion von seichten Spielen wie Guitar Hero oder Tony Hawk. Activision Blizzard ist berühmt für Marken, die sich über Jahre hinweg bewährt haben wie etwa Crash Bandicoot, Spider-Man, Diablo, Spyro oder World of Warcraft. Daher erscheint es ein wenig grotesk, dass ausgerechnet West und Zampella ihren Schreibtisch räumen müssen.

Ein Konflikt geht nur im Idealfall sachlich über die Bühne. Bei Activision merkt der Spieler schon sehr bald, dass Routine ein beliebter Mechanismus ist um Erstens viel Geld zu erwirtschaften und Zweitens sich mit einer Franchise wie Call of Duty einen Namen unter den Gamern zu machen. Infinity Ward wollte wohl über das Ziel hinausschießen und etwas Neues planen, sozusagen dem alten Trott entkommen. Activision möchte seinen goldenen Gänsen aber nicht den Auslauf geben, den sie verlangen.
Sollte sich die Entlassung von West und Zampella als wirtschaftlicher Fehltritt erweisen, und nicht nur als personeller, dann wird Activision ganz schön um die Beständigkeit seiner Reihen kämpfen müssen. Activision stützt seine Haupteinnahmen auf drei goldene Pfähle – Call of Duty, Guitar Hero, und World of Warcraft. Diese Tatsache hat kotaku gleich zum Anlass genommen, dass Activision die kreativen Köpfe ausgehen; ein Desinteresse an einem dieser Spiele ein riesiges finanziellen Loch verursachen könnte und zitiert dabei einen internen Bericht:
“Due to this dependence on a limited number of franchises, the failure to achieve anticipated results by one or more products based on these franchises may significantly harm our business and financial results…”

Wie schon angedeutet ist Geld Dreh- und Angelpunkt vieler Auseinandersetzungen. Angeblich hat Activision Tantiemen und Honorare nicht an Infinity Ward gezahlt, so dass sich West und Zampella nach einer Zusammenarbeit mit anderen Verlegern umgesehen hätten. Modern Warfare 2 habe mehrere Millionen US Dollar eingespielt, doch von dieser Summe seien die im Vertrag festgelegten Anteile nie überwiesen worden. Infinity Ward hat Teilrechte an Call of Duty und diese laufen erst im Oktober 2010 aus.
Von daher ist es strategisch sehr clever, die Führungsspitze des Studios zu feuern und damit Druck auf die übrigen Angestellten auszuüben. Allerdings geraten damit ohnehin schon exzentrische Personen wie Kotick wieder ins Kreuzfeuer der Kritik – bei diesen ganzen Verwirrungen allerdings nicht zu Unrecht. Es wird ein anstrengender Frühling dieses Jahr für die Spieleindustrie werden und wir bleiben am Ball, wie die Auseinandersetzungen zwischen Activision und Infinity Ward weitergehen werden.
Via DerWesten, Gameinformer, G4TV, kotaku , Eurogamer





