
Die Briten sind in vielerlei Hinsicht ein merkwürdiges Volk.
Während auf Teilen der Insel im ach so aufgeklärten westlichen Europa tatsächlich immer noch Menschenleben für die Frage vergeudet werden, ob jetzt Protestanten oder Katholiken die Bibel richtig verstanden haben (“Für Gott reicht es, wenn wir einmal im Monat das Abendmahl zelebrieren” – “Stirb du Anarchist! Gott will, dass wir jede Woche auf der Oblate kauen!“), glaubt man in anderen Teilen des british Empires, dass man den Fußball erfunden hat und spielt ja doch kaum besser als Viktoria Beckham sympathisch ist.
Es gibt aber eine Sache, für die sich der Blick zu der ehemaligen Kolonialmacht lohnt. Videospiele können dort so frei vor sich hin existieren wie sonst nirgends in Europa. Der Industrieverband TIGA hat seit einigen Wochen sogar eine permanente Vertretung im Parlament installiert. Die strahlenden Verhältnisse auf der Insel werfen aber einen großen Schatten über den Rest des Kontinents.
Im schönen Österreich hält sich die Politik die meiste Zeit über zwar noch dezent aus der Diskussion raus, in Deutschland hingegen konnte vor kurzem gar der bayrische Innenminister alle Spieler von sogennannten “Killerspielen” auf eine Stufe mit Kinderpornographen stellen. Die Reaktionen darauf waren in ihrem Ausmaß gelinde gesagt bescheiden. Man wird das Gefühl nicht los, dass diverse Ex-Präsidenten einer Weltmacht nur darauf gewartet haben, dass im PlayStation Netzwerk PSN Öl gefunden wird, damit man die sagenumwobene “Welt der Videospiele” endlich mit zur Achse des bösen zählen kann.
Videospiele sind wie eine riesengroße Spielwiese für jeden halbwegs konservativen Politiker dem ein wenig die Themen ausgehen. Jugendkriminalität? Na klar, die Videospiele. Katastrophale PISA-Ergebnisse? Warum zocken die auch den ganzen Tag? Ozonloch? Ich fahr sofort mit meinem 24-Liter Benz los und bringe einen Verbotsantrag ein. Was soll schon passieren? Widerstand? Von wem denn?
Die meisten Gamer werden die Killerspieldebatte überhaupt erst wahrnehmen, wenn der Login für ihr Counterstrike gesperrt wird. Das eigentliche Problem sind nicht etwa Politiker, die zuverlässig wie Aufziehfiguren dankbar jedes Thema verwursten, dass sich ihnen so ungeschützt anbietet. Das Problem sind die Gamer, deren einzige Berührung mit der Politik die atomare Bedrohung in Call of Duty 4 gewesen ist (Nicht, dass sie verstanden hätten, was das genau bedeutet, aber man konnte wirklich eine Menge Araber abknallen…)
Doch eine Hoffnung bleibt: Haben nicht auch die ehemaligen Anarcho-Musiker, die inzwischen zu sesshaften Anwälten mit Ein-Familien-Häusern und Kombi-Van mutiert sind und ihre Kinder für die Drogen tadeln die sie selber vor 30 Jahren erst salonfähig gemacht haben, haben diese früheren Blumenkinder nicht auch mit besorgten Gesichtern in den Elternberatungsrunden gesessen und den Mond angejault, dass ihre Kinder heute nur noch vor dem Computer hängen und sich nicht mehr treffen um Musik zu machen? Irgendwann kam dann Guitar Hero und der Traum vom Rockstar war wieder fest in den Köpfen der neuen Generation verankert.
Vielleicht kommt ja irgendwann mal ein Publisher auf die Idee, dass Spiel “Politisch aktiver Hero” auf den Markt zu schmeißen. Dann würde plötzlich jeder Gamer wissen, was es heißt, sich für seine Sache zu engagieren, sich gegen die opportune Polemik von Politikern, die Space Invaders für einen Schundroman von diesem “von Däniken-Spinner” halten, zu wehren. Auch wenn sie dann wahrscheinlich kaum noch Zeit hätten, um für eine Demo auf die Straße zu gehen. “Ich kann heute leider nicht. Ich bin bei politisch aktiver Hero gerade kurz vor dem Che Guevara Status, deswegen muss ich jede halbe Stunde mindestens ein Plakat bei Xbox Live in der open World aufhängen…”





