Das Midway-Mysterium

Die britische Insel wird branchenintern gerne mal als Mekka für Videospielentwickler gefeiert. Nirgendwo sonst sind die politischen Bedingungen so angenehm für die sonst so gescholtene Branche. Für 80 Mitarbeiter eines Entwicklerstudios in Newcastle dürfte das in dieser Woche aber kein großer Trost sein. Lange hatte man wie ein Löwe gegen die Schließung des eigenen Studios gekämpft. Mit einer äußerst erfahrenen Belegschaft so wie einer aus dem Nichts geschaffenen, neuen und interessanten IP wollte man einen Käufer finden, jemanden, der sich erbarmen würde. Aber selbst die geballte Kompetenz und das interessante Open-World-Krimi-Spiel Necessary Forces, obschon sogar schon spielbar und mit eigener Homepage, halfen nicht. So wurden die Pforten des Midway-Studios in dieser Woche das letzte Mal geschlossen, der Kampf war vorbei. Es ist ein weiterer trauriger Höhepunkt in einem monatelang andauernden, entwürdigendem Schauspiel.

Mit dem Untergang von Midway verliert die Branche einen ihrer traditionsreichsten Vertreter. 51 Jahre Erfahrung im medialen Unterhaltungssektor werden in diesen Wochen ihr Ende finden. Weltberühmte Klassiker wie Pacman, Space Invaders oder auch Mortal Kombat trugen das Lable der amerikanischen Spielfirma. So glorreich sich die Geschichte des Unternehmen aber auch darstellt, so unrühmlich fällt ihr Ende aus. In einem komplexen Wirrwarr aus abgewogenen Interessen, Rechtslücken und Geldgier ist die Traditionsmarke Midway, sind die 80 Mitarbeiter in Newcastle und viele mehr auf der ganzen Welt im Endeffekt nur Bauernopfer einer Systematik gegen die sie niemals eine Chance hatten. Die Fäden hatten andere in der Hand. Einer von ihnen heißt Sumner Redstone.

Medienmogul Sumner Redstone: Laut Forbes Magazin 8,8 Milliarden Dollar schwer

Sumner Redstone ist ein 86 Jahre alter Mann und wurde in Boston geboren. Wer ihn sieht, wird vergeblich nach den typischen Gebrechen des Alters suchen, die Vitalität hat sein Gesicht nicht verlassen. Aus seinen tiefen Augenhöhlen starren immer noch die listigen kleinen Augen, die schon so viel gesehen haben und die in Symbiose mit seinem fast fest eingebautem Lächeln einen charmanten Hauch von Unbekümmertheit hinterlassen. Die Karriere dieses Mannes zeichnet im Normalfall andere Gesichter. In Harvard schaffte er seinen Doktor der Rechtswissenschaften, im zweiten Weltkrieg entschlüsselte er japanische Botschaften, sogar einen Abstecher ins Justizministerium wagte der Geschäftsmann bevor es ihn endgültig in die Privatwirtschaft verschlug wo er bis zum Jahr 2005 ein vom Forbes Magazine geschätztes Gesamtvermögen von 8.8 Milliarden Dollar erwirtschaften konnte. Redstone hat die Wirtschaft von allen Seiten her studiert, er weiß wie sie funktioniert, was ihr Wesen ist und er kennt ihre
rechtlichen Lücken. Zu seinem Imperium gehören Viacom, darunter erhebliche Beteiligungen an MTV, Sega oder Paramount Pictures. Unterhaltung ist sein Metier. Das Dach dieser Konstruktion bildet die noch von seinem Vater ins Leben gerufene Holding AG National Amusements Inc. (NAI).

Bis zum Dezember des letzten Jahres gehörte eben jener Holding-Firma auch der Midway-Konzern an. NAI befand sich allerdings in erheblichen finanziellen Problemen, ein Schuldenberg von 1,6 Milliarden US-Dollar hatte sich angehäuft. Nachdem man verschiedene Kreditbedingungen nicht einhalten konnte, drängten die Gläubigerbanken auf eine Einigung. Nach Absprache mit den Kreditgebern entschloss Redstone sich zum Verkauf einiger seiner Unternehmensbeteiligungen. Soweit ein ganz normaler Vorgang in der Welt der Big Player der Wirtschaft. Was dann allerdings geschah, konnte sogar eingefleischte Experten überraschen. Redstone verkaufte seine 87% an Midway für 100 000 Dollar, also für unter einen Cent pro Aktie an einen in der Branche bisher völlig unbekannten Privatinvestor namens Mark Thomas. Die Auswirkungen für Midway waren katastrophal. Die Aktien der Firma verloren binnen von Stunden ihren Wert und stürzten ins Bodenlose. Thomas hatte Midway quasi geschenkt bekommen, obgleich sein Geschenk alles andere als bei bester Gesundheit war. 150 Millionen Dollar Schulden hatte Midway inzwischen angehäuft. Schon lange vor der Wirtschaftskrise konnte man keinen guten Quartalsabschluss mehr erzielen. Ein marodes Unternehmen wechselte den Besitzer.

Über den Hintergrund von Thomas ist bis heute nicht viel bekannt. Kaum jemand weiß etwas über den mysteriösen Investor, seine Pläne mit dem angeschlagenen Traditionsunternehmen lagen zu jener Zeit völlig im Dunkeln. Einzig ein kleiner Zusatz zu dem Deal gibt Aufschluss über den eigentlichen Hintergrund des Geschäfts. Neben Midway erhielt Thomas nämlich noch die Gläubigerrechte an einem 70 Milionen-Dollar Kredit den Redstones Holding NAI ursprünglich vergeben hatte. 30 Millionen Dollar aus diesem Kredit waren für Thomas dabei abgesichert. Trotzdem hatte Thomas ein Unternehmen mit 150 Millionen Dollar Schulden übernommen und zunächst mal sah es so aus, als würde nur Redstone aus dem Deal als Gewinner hervorgehen. Dadurch, dass er seine Anteile an Midway, so unprofitabel sie auch waren, total unter Wert verkauft hatte, konnte er den dabei entstandenen Wertschaden als Verlust für seine Steuererklärung abschreiben. Durch geschickte Bilanzrechnung konnte er so einen Gesamtverlust von 700 Millionen Dollar "erzielen". Die daraus resultierenden Steuernachzahlungen für NAI in den kommenden Jahren dürfte viele Probleme von Redstones Holding überdecken.

Mark Thomas: Der geheimnisvolle Investor von Midway

Was aber plante Thomas mit seinem neu erworbenem Unternehmen? Die Antwort darauf folgte keine drei Monate später. Im Februar dieses Jahres beantragte Thomas für sein Unternehmen Gläubigerschutz. Der Gläubigerschutz in Amerika bedeutet übrigens anders als hierzulande nicht den Schutz der Gläubiger, sondern Schutz vor dem Gläubiger. Um ein Unternehmen in einer schwierigen Situation noch retten zu können werden eventuelle Einnahmen vor den Zugriffen der Gläubiger geschützt. Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, dass Midway in einem richterlichen Bietverfahren versteigert werden solle. Der anvisierte Verkaufspreis betrug dabei 30 Millionen Dollar, eben jene 30 Millionen Dollar die Thomas gesichert aus den Erlösen des Unternehmens zustehen. Auf einen Schlag eröffnete sich allen Gläubigern die Strategie des neuen Inhabers. Thomas hatte das Unternehmen nur gekauft um aus der Konkursmasse seine gesicherten Anteile herauszuholen. Wenn Teile des Unternehmens verkauft werden, verhindert der Gläubigerschutz, dass die ehemaligen Kreditgeber ihr Geld zurückfordern können bevor Thomas die gesicherten 30 Millionen aus dem Kredit beziehen konnte.

Pläne zur Sanierung des Unternehmens wurden bei Midway intern zwar noch geschmiedet, der Eigentümer hatte aber niemals ein ernstes Interesse daran, das Unternehmen weiterzuführen. Jeder Versuch sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen war zum Scheitern verurteilt. Nachdem schon vor dem Verkauf an Thomas 25% der Belegschaft entlassen wurde und ein Studio in Texas seine Pforten schließen musste, ging es jetzt nur noch um den Verkauf der restlichen Marken sowie der vier verbliebenen Studios in Newcastle, San Diego, Chicago und Seattle. Der Zustand von Midway hätte hierfür nicht schlechter sein können. Die Aktien waren nichts mehr wert, die Firma war bankrott und zusätzlich rollte eine ganze Lawine an Klagen wegen ausstehender Zahlungen gegen Midway und gegen Thomas/Redstone wegen eines Insiderhandels an. Die Geschwindigkeit des Deals zwischen Thomas und Redstone sowie die erstaunliche Win-Win-Situation für beide wecken automatisch die Idee, die beiden könnten ganz bewusst auf dieses Szenario hingesteuert haben. So blieb am Ende nur Warner Bros übrig, die sich in erste Linie für die Marke Mortal Kombat interessieren. Die Mode, Videospiele zu verfilmen macht eine derart gebeutelte Traditionsmarke natürlich zu einem Schnäppchen. Der Preis dieses "Schnäppchens" betrug übrigens genau 33 Millionen Dollar, drei mehr als Thomas benötigte. Mit Mortal Kombat kaufte man sich auch die Studios in Chicago und Seattle. Newcastle und San Diego standen weiterhin ohne Käufer da.

Das Studio in Newcastle, England, wurde Opfer des schmutzigen Deals.

Während San Diego nach den lokalen Gesetzen noch bis September Zeit hat, einen Käufer zu finden, musste Newcastle in dieser Woche endgültig seine Zelte abbrechen. Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als könnte man mit Ubisoft einen neuen Arbeitgeber finden, die Franzosen hatten schon vor der Insolvenz die Vermarktung für den Newcastler Titel Wheelman übernommen. Doch im Zuge der Finanzkrise bekommt kaum noch ein Unternehmen Kredite für solch außergewöhnliche Projekte. Ubisoft selber konnte nicht unbedingt glücklich sein über die Zahlen, die man im letzten Quartalsbericht veröffentlichen musste. So wird es wohl den meisten potentiellen Käufern der verbleidenden Studios ergangen sein. Allzu große Anstrengungen von Thomas, die Arbeitsplätze der Mitarbeiter doch noch zu retten, konnte man ebenfalls nicht registrieren.
Die Mitarbeiter in Newcastle haben gekämpft wie Löwen und müssen sich jetzt einen neuen Job suchen. Thomas kämpft auch. Mit den Gläubigern von Midway gegen den Vorwurf eines Insiderhandels. Im Zuge dieser Verhandlungen beschloss man übrigens, Thomas einfach fünf Millionen US-Dollar zu bezahlen und den Rest des Geldes auf die Gläubiger zu verteilen. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Nur Midway, das steht schon fest, wird es nicht mehr geben. Dafür kann ein 86 Jahre alter Mann in Zukunft eine Menge Steuerrückzahlungen einfordern. Es bleibt das erschütternde Fazit eines beschämenden Wirtschaftsschauspiels: 51 Jahre Videospielgeschichte werden geopfert, um die Bilanzen eines alten, 8,8 Milliarden Dollar schweren, Mannes um 700 Millionen Dollar aufzubessern.

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