Braid – Das etwas andere Videospiel

Selten aber doch gibt es ein geniales Spiel, das an der breiten Masse leider meist unbemerkt vorbeischleicht…

Auf die Frage, ob man das Medium Videospiel als Kunstform ansehen kann, gibt Braid eine ganz klare Antwort. Vom ersten Moment an wird dem Spieler bewusst, dass er sich hier auf etwas ganz besonderes eingelassen hat. Und Braid ist definitiv ein Spiel, auf das man sich einlassen muss, um es voll und ganz verstehen und genießen zu können. Braid ist in erster Linie ein Jump’n’Run. FALSCH. Braid ist in erster Linie ein Puzzler, verkleidet als nostalgisches 2D-Jump’n’Run mit diversen Anspielungen auf einen weltberühmten italienischen Klempner. So auch die Geschichte, die hier erzählt wird.

Tim, der Held des Spiels, will das Herz einer Prinzessin erobern. Wo er Sie findet und wie es dazu kommt, ist eine Geschichte, die ganz und gar nicht so klischeehaft endet, wie sie angefangen hat. Auf dem Weg dahin gilt es, in den Levels verstreute Puzzlesteine zu finden, und zu den Kapiteln dieser ungewöhnlichen Geschichte zusammenzusetzen. Das interessante dabei ist, das die Levels zwar nach klassischem 2D-Platformer Gameplay aussehen, aber nach völlig anderen Regeln funktionieren. Der Schlüssel zum wohl außergewöhnlichsten Spielerlebnis seit langem ist der Faktor Zeit. Das Spiel kann jederzeit per Druck auf die X-Taste zurückgespult werden, Gegner stellen hier also keine Bedrohung dar. Fehlsprünge können sofort ungeschehen gemacht werden. Um an die begehrten Puzzlesteine zu kommen, muss die Zeit aber völlig neu als Spielelement entdeckt und vor allem verstanden werden. In jedem der 6 Kapitel von Braid wird eine neue Funktionsweise der Zeit eingeführt, und plötzlich läuft das ganze Spiel nach komplett anderen Regeln. Das klingt jetzt alles vielleicht sehr verwirrend, ist aber äußerst intuitiv. Ich persönlich war absolut schockiert, mit welcher Leichtigkeit Braid Gesetze, die gerade noch universelle Gültigkeit hatten, im nächsten Level komplett widerlegt, und damit die ganze Denkensweise des Spielers umstürzt. Ein Erlebnis, dass sich wirklich schwer in Worte fassen lässt, man muss es erlebt haben.

Im späteren Verlauf des Spiels werden die Aufgaben teils verdammt knifflig und oft sitzt man an einem einzigen, gerade mal 2 Bildschirme großen Level gut und gerne eine halbe Stunde lang, probiert etwas, spult zurück, probiert etwas anderes, spult wieder zurück, probiert etwas drittes, entdeckt eine neue Ansicht der Aufgabe an sich, und probiert es mit der neuen Erkenntnis weitere 10 mal, um schließlich zu begreifen, dass es doch ganz anders funktioniert. Eines ist klar: bei jedem anderen Spiel hätte mich dieses ewige vor und zurück, diese unzähligen Fehlversuche komplett in den Wahnsinn getrieben, frustriert und genervt. Auch hier besticht Braid durch die Tatsache, dass es einfach anders ist. Man hat nie das Gefühl, dass man gescheitert ist, weil man nicht schnell genug, präzise genug war, oder weil die Aufgabe so schwer war. Man weiß instinktiv, dass man versagt hat, weil man das Falsche probiert hat. Weil der Denkansatz, um das Ziel zu erreichen, nicht der Richtige war. Oft lässt man dann wirklich mal einen Puzzlestein liegen, weil man einfach nicht auf die Lösung kommt, geht weiter zum nächsten Level, und während man sich der nächsten Aufgabe widmet, schießt einem urplötzlich die Lösung des vorigen Problems ein. Dann geht man zurück und holt sich den wohlverdienten Puzzlestein beim ersten Versuch. Das ist die Genialität von Braid.

Hinzu kommt, dass Braid durch seine ungewohnte Atmosphäre, die durch einen absolut einzigartigen und wunderschönen Grafikstil, und einen genialen, stimmungsvollen Soundtrack erzeugt wird, den Spieler von Anfang an in eine Art Zen-Zustand versetzt. Sobald man das Spiel beginnt, befindet man sich an einem Ort völliger Ruhe und Ausgewogenheit, und kann sich in die durchaus emotionale Geschichte des Spiels fallen lassen. Mir ist völlig klar, dass es da draußen wahrscheinlich viele Spieler gibt, die Braid niemals als das sehen werden, was es ist, weil sie nicht willig sind, das Spiel auf sich wirken zu lassen. Weil sie nicht die Geduld haben, die Geschichte, die Teilweise anhand von aufgeschlagenen Büchern erzählt wird, zu lesen und zu verstehen, und stattdessen nur schnell durchspielen wollen. Oder weil sie den Grafikstil und die ganze Aufmachung des Spiels von vorneherein als ‚kindisch’ oder ‚langweilig’ abstempeln, und gar nicht erst zu spielen beginnen. Es ist traurig, aber diesen Menschen wird die Genialität, die Philosophie und die Kunst von Braid verborgen bleiben. Und das wohl verblüffendste und aufwühlendste Ende, das ich je in einem Videospiel erlebt habe. Kunst? Ja, eindeutig.

Wer sich auf Braid einlässt, wird es als ein Anderer beenden, als er begonnen hat.

Kommentare

3 Kommentare zu “Braid – Das etwas andere Videospiel

  1. Mathias am 29. August 2008

    Na ja, "an der breiten Masse vorbei" halte ich für übertrieben. Das Spiel verkauft sich für ein Arcade-Spiel wie warme Semmeln und ist auf Metacritics auf Platz 8 der besten Xbox-360-Spiele überhaupt. Überall wird über Braid geredet - ich stimme dir allerdings zu, dass viele die Genialität des Spieles nicht erkennen. Das fängt schon bei "Was, 1200 MP??" an und hört bei denen auf, die die Story mit "Finde die Prinzessin" erklären bzw. generell nur einen Mario-Klon in Braid sehen.

  2. suspects am 30. August 2008

    ich finds langweilig.

  3. eLhabib am 1. September 2008

    QED

Lass hören was deine Meinung ist!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Verwende Gravatar für deinen Avatar!

*